Allgemein

Berlin im Gerhard Richter Hype

Es ist unglaublich. Fast jedes Gespräch in Berlin kommt dieser Tage auf Gerhard Richter. Nun gut, vielleicht nicht jedes. Einkaufen geht noch ohne, jedenfalls im Supermarkt. Wenn Sie allerdings zum Geld ausgeben einen bestimmten Laden bevorzugen und dort hin und wieder ins Gespräch kommen – dann kann es passieren. Oder in der Stadt unterwegs und ein Smalltalk gefällig? Wenn Sie das Gespräch länger als drei Minuten führen haben Sie damit bestimmt 80% Chancen auch über Richter zu sprechen. Er hängt gerade, in den Nationalgalerien. Natürlich seine Werke, in der Neuen und der Alten. Und er war selber hier. Vielleicht schon einer der Gründe für den Hype: Ein wirklich bedeutender Deutscher Maler, vielleicht der bedeutendste der Gegenwart, richtig teuer wenn Sie ein Original kaufen wollten. Aber egal wie viel Geld gerade Sie haben sollten: Sie werden keins der bekannten Werke ersteigern können. Also ein Mythos?

Jedenfalls genügend Mythos um derzeit so ziemlich jedes „wichtige“ Gespräche um ihn Kreisen zu lassen. Wer ist schon Wulff, Merkel oder Putin? Wenn Sie dieser Tage nach Berlin kommen, dann bilden Sie sich besser eine Meinung zu seinen Werken: Sie werden bestimmt nach Betty, der Kerze oder einer Klorolle gefragt.

© Gerhard Richter, 18. Oktober 1977, Zelle

© Gerhard Richter, 18. Oktober 1977, Zelle


Leider hängt mein Lieblingsbild von Gerhard Richter weder in der Neuen noch in der Alten Nationalgalerie: Motorboot. Ein Werk, das er von einer Vorlage einer Kodak Filmwerbung, einer Anzeige, interpretierte. Ist das nicht ein Knaller? Ein Maler interpretiert eine Anzeige für einen Film. Einen Film den man früher, als noch niemand Megapixel kannte, zum fotografieren brauchte. Als ich also im Gedränge der Neuen Nationalgalerie feststellen musste: das „Motorboot“ ist nicht hier, gingen meine Mundwinkel schon etwas nach unten. Aber, seiner Werke haben eine große Wirkung. Außergewöhnlich. Der Touch ist da und während der Schau seiner Arbeiten kann man sich schon verlieren. Währen da nicht die ungeheuren Massen an Interessierten die sich zu den Öffnungszeiten mit Ihnen durch den Mies van der Rohe Bau schieben.

Ein paar Kilometer weiter ist es bei weitem nicht so voll. Hier, im Schinkel-Saal der Alten Nationalgalerie hängen in Ruhe 15 Werke aus Richters Zyklus „18. Oktober 1977“ sowie eine Ergänzung. Räumlich und thematisch erfolgt so eine äußerst starke Trennung zu seinen Arbeiten in der Neuen Nationalgalerie, und das finde ich richtig.

© Gerhard Richter, 18. Oktober 1977, Plattenspieler

© Gerhard Richter, 18. Oktober 1977, Plattenspieler

So ist die Konzentration auf die Thematik dieser Arbeiten viel höher. Warum, wieso, weshalb? Nicht die Umsetzung, sondern überhaupt.

© Gerhard Richter, 18. Oktober 1977, Gegenüberstellung

© Gerhard Richter, 18. Oktober 1977, Gegenüberstellung

Viele dieser Werke hängen sonst im Museum of Modern Art in New York. Weshalb in New York – und nicht hier, im Land der Taten? Die Auseinandersetzung von Richter mit dem Tod von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in Stuttgart Stammheim ist intensiv. Allerdings fehlt mir zumindest ein Werk aus der eigentlichen Opfersicht. Was ist die Opfersicht? Ich kann mich zumindest noch gut an den Morgen danach erinnern – in der Schule, einen Hüpfer entfernt von Stammheim, war am 19. Oktober der 18. Oktober ein riesen Thema. Zumal auch die „Landshut“ durch wilde Jungs der GSG9 an jenem Tag befreit wurde. Später an diesem Tag wurde dann Hanns Martin Schleyer tot aufgefunden. Nun, nach all den Jahren ist die Erinnerung daran auf eine unerwartete Art heute wieder präsent.

© Gerhard Richter, 18. Oktober 1977, Beerdigung

© Gerhard Richter, 18. Oktober 1977, Beerdigung

Ich würde der Alten Nationalgalerie nicht gerecht, wenn ich hier nur Richter zeigen würde. Sonst hängen hier nur die Alten Meister. Richter ist ein Meister, aber er zählt nicht zu den Alten. Der Sprung von Richters Werken – zurück in die Zeit der Romantik, der Gründerzeit oder nach Preußen zeigt bildhafte Werke. Oft gestochen Scharf, realistisch „fotografiert“ mit Pinsel auf der Leinwand. Fotografie vor der eigentlichen Fotografie. Also das, was Richter mit seinem Stil verfremdet und damit Raum zur eigenen Interpretation gibt.

Caspar David Friedrich, Abtei im Eichwald

Caspar David Friedrich, Abtei im Eichwald

Caspar David Friedrich, Frau am Fenster

Caspar David Friedrich, Frau am Fenster

Unglaublich intensive Farben und Tiefe – fast schon in 3D. Durch moderne Fotografie hier nicht annähernd wiederzugeben.

Karl Friedrich Schinkel, Dom über einer Stadt

Karl Friedrich Schinkel, Dom über einer Stadt

Max Klinger, Venus im Muschelwagen (oben)

Max Klinger, Venus im Muschelwagen (oben)

Also, um beim Smalltalk eins drauf zusetzen: sprechen Sie doch einfach über den 18. Oktober 1977. Das ist womöglich völlig im Sinne von Gerhard Richter. Wenn Ihr Gesprächspartner damit nichts anfangen kann wäre die „Venus im Muschelwagen“ eine echte Alternative. Schon der Titel ist so bildhaft – darunter kann sich doch jeder etwas vorstellen.

Leave a Reply

Categories

A sample text widget

Etiam pulvinar consectetur dolor sed malesuada. Ut convallis euismod dolor nec pretium. Nunc ut tristique massa.

Nam sodales mi vitae dolor ullamcorper et vulputate enim accumsan. Morbi orci magna, tincidunt vitae molestie nec, molestie at mi. Nulla nulla lorem, suscipit in posuere in, interdum non magna.