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Die Mauer muss weg bleiben

Die Reste des früheren antifaschistischen Schutzwalls an der Mühlenstraße, kurz East Side Gallery – oder noch kürzer: der Mauer, soll bleiben. Vor nicht allzu langer Zeit musste alles weg, und zwar zack, zack! Von den einstigen 156 Km Mauerbefestigung um West-Berlin über 3,40 Meter Höhe blieben nur sehr wenige Bruchstücke stehen. Teilweise ersetzt durch 2 Reihen Pflastersteine in einigen ausgewählten, touristisch heute hoch frequentierten Straßen und Wegen. Kinder, Enkel und Nichtwissende können schon heute die Wucht der Mauer nicht mehr verstehen. Neben die ähnlich kleinen Freizeitparks touristisch aufbereiteten, offiziellen Gedenkstätten blieb die durch Künstler veredelte East Side Gallery. Ein Kunstprojekt, etwa 1,3 Km lang am Ufer der Spree – die frühere Grenze zwischen Ost und West, zwischen Friedrichshain und Kreuzberg.

Another Brick In The Wall.

Another Brick In The Wall.

 

Es ist nicht der erste Teilabriss, der, befeuert durch massive Proteste, diese Woche von den Politikern erneut diskutiert wird. Schon damals, beim Bau der o2 Arena musste ein größeres Stück der Mauer weichen. Besucher von Sportveranstaltungen und Pop-Größen sollten vor und nach den Veranstaltungen einen kurzen, aber immerhin ungetrübten Blick auf die Spree und Kreuzberg haben. Von „Fluchtweg“ war damals nur sehr kurz und nur hinter vorgehaltener Hand die Rede.

Darum geht's: Die Mauer und der Park an der Spree.

Darum geht’s: Die Mauer und der Park an der Spree.

 

Nun steht also wieder eine Versetzung von Mauerstücken an. Etwa 40 Meter sollen weichen und woanders angesetzt werden. Für einen Wohnturm mit Geschäftseinheiten. Besonders passend für Friedrichshain, die Preisgestaltung der Wohneinheiten: für die kleinste, bescheidene 2 Zimmerwohnung werden ca. 500 Tausend Euro aufgerufen. Also genau das Richtige für die Bewohner rund um den Ostbahnhof. Eine Brücke über die Spree, die im zweiten Weltkrieg eingerissen wurde soll Friedrichshain und Kreuzberg wieder verbinden. Sie steht für ein weiteres Symbol der Umgestaltung und Öffnung der Flächen zur Luxussanierung.

Kultur war der Starter des Protests

Kultur war der Starter des Protests

 

Weshalb wird seit einigen Wochen massiv protestiert? Immerhin knapp 80.000 Unterschriften sind gegen das Projekt in einer Online-Petition in kurzer Zeit zusammengekommen. Und, am vergangen Sonntag zum zweiten Treffen war „The Hoff“ auf eigene Kosten angereist – demonstrierte mit knapp 10.000 Demonstranten gegen das Projekt und schmetterte „I’ve been looking for freedom“ ins Megaphon, nachdem schon auf dem ersten Treffen die Berliner Lokalpolitik oder Ur-Berliner wie Dr. Motte und Ben Becker lautstark auftraten.

Ben Becker

Ben Becker (Photo: S. Frank)

 

Dr. Motte

Dr. Motte

 

Der Protest besteht für Berlin aus einer sehr typischen, urbanen Mischung. Die Künstler, die mit ihrer Gestaltung der 105 Mauerbilder die East Side Gallery einst schafften begründeten den Protest. Sie richten ihren Protest gegen die Zerstörung des Gesamtwerks. Dazu kam der eher links orientierte, allgemeine Protest gegen Gentrifizierung eines Stadtteils. Luxuswohnungen verdrängen das typisch schmuddelige Stadtbild Berlins. Ein Großteil der Berliner will das einfach nicht. Sie befürchten, Berlin wird wie eine auf dem Reißbrett gestaltete City, beliebig austauschbar, ähnlich dem Potsdamer Platz. Besteht dann in seinen unterschiedlichen Zentren nur noch aus Zweit-, Dritt- oder Viertwohnungen für Wochenendbesucher mit den für jede größere Stadt so typischen Ladenketten.

Die Mauer am Potsdamer Platz

Die Mauer am Potsdamer Platz

 

Und, es ist ein allgemeiner Protest gegen den Senat, gegen die Bezirksvertretungen von denen alle für das Projekt waren. Nun will es keiner gewesen sein und geradezu satirisch wertvoll schieben sich die Beteiligten gegenseitig die Schuld und Lächerlichkeit in die Schuhe. Alles nicht ganz mit den Wutbürgern aus Stuttgart zu vergleichen. Aber, nach der Pleite um den Flughafen (eigentlich interessiert sich keiner in Berlin wirklich dafür) kommt die East Side Gallery gerade zu Recht um die verschiedenen Strömungen des Protests innerhalb einer Großstadt zu bündeln und auf ein Symbolprojekt zu konzentrieren.

Protest

Protest

 

So, wie die Mauer nach der Vereinigung einst ganz schnell und rigoros weg musste, muss sie nun eben bleiben.

 

Die Mauer wie sie keiner mehr sehen will

Die Mauer wie sie keiner mehr sehen will

 

 

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