Musik

Dem Andenken eines Engels

Der Ehrendirigent des Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, Kent Nagano, gibt dem verstorbenen Ehrendirigenten Günter Wand zu dessen 100. Geburtstag das Geburtstagskonzert in der Berliner Philharmonie. Das DSO spielt Werke von Schubert, Alban Berg und Arnold Schönberg.

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Kent Nagano zurück in Berlin. Er hat hier einen bleibenden Eindruck hinterlassen, als er 2000 die künstlerische Leitung des Deutschen Symphonie-Orchester (bis Spielzeitende 2006) übernahm. Seither ist er weiterhin auf der ganzen Welt ein Star unter den Dirigenten und höchst gefragt. Er bringt es fertig und verlängert hoch dotierte Verträge an renommierten Häusern, wie der Bayrischen Staatsoper, nicht, weil ein solches Engagement ihn selbst in spielfreien Zeiten bei anderen Engagements einschränkt. Respekt. Ich war bisher nicht oft in klassischen Konzerten, das letzte besuchte ich vor mehr als 20 Jahren und hatte Herrn Nagano selbstredend noch nicht live erlebt. So war ich gespannt auf den Abend und wollte mich vorurteilsfrei überraschen lassen.

Das Konzert hat dann auch bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Es wurde ein klassisches Geburtstags-Festmenü für Günter Wand in 4 Gängen gegeben. Mit Werken von Franz Schubert (Symphonie Nr. 5 und Entr’acte Nr. 1 aus Rosamunde), Alban Berg (Konzert für Violine und Orchester: „Dem Andenken eines Engels“) und Arnold Schönberg (Pelleas und Melisande).
Man würde der doch eher kräftigen Statur von Günter Wand nicht in allen Belangen gerecht wenn man von einem Engel spräche, so ließ sich vernehmen. Nun bekanntlich fängt Musik dort an, wo Worte enden. Da ich mich nicht als Klassik- und Opernkenner outen könnte, werde ich nur den Bezug zur Unterhaltungsmusik ziehen. Und dort stimmt der Spruch.

Schon der Einzug des Orchester ist beeindruckend. Von drei Seiten füllen Musiker und Musikerinnen die Plätze, und noch immer sind Reihen leer. Aha, später kommen noch mehr. Kurzes Einspielen – und dann kommt der Dirigent. Warum nur ist der Dirigent der Star an so einem Abend? Sind nicht vielmehr die Musiker und Musikerinnen die Stars? Herr Nagano macht jedenfalls einen sehr sympathischen Eindruck. Drahtig und lächelnd, hochkonzentriert.

Los geht’s mit Schuberts 5. Symphonie. Schnell wird mir klar: es ist sehr liebliche und leichte Musik. Es gibt ja Leute die zum Bügeln das Radio anmachen und sich Hintergrundbeschallen lassen. So oder ähnlich wirkt diese Symphonie auf mich. Irgendwie schon mal gehört und wenn nicht, zumindest sich so vorgestellt. Also beschäftige ich mich mit anderen Dingen: Wie arbeitet denn nun Herr Nagano? Sehr kommunikativ mit den Musikern. Besonders fällt mir eine der Bassistinnen auf. Die spielt sehr konzentriert ihre Noten und blickt dann immer äußerst aufmerksam mit riesengroßen Augen zu ihrem Dirigenten. Es sind dann auch leichte Korrekturen von ihm zu erkennen… lauter und leiser erkenne ich ganz gut. Die Streicher Mitte-rechts werden öfters zu mehr Dynamik aufgefordert… Herr Nagano hat die Truppe bestens im Griff. Wo ist das Programm, was kommt als nächstes? Alban Berg, aha. “Dem Andenken eines Engels“. Was stand da nochmals im Internet zu lesen? Zwölftontechnik, super kompliziert. Zwölf Töne sind genau gleichberechtigt, dürfen also nur 1x gespielt werden bis alle anderen 11 Töne auch gespielt wurden. Während ich noch überlege wie das gehen soll: Applaus, OK Schubert ist durch.

Mehr Musiker und Musikerinnen kommen auf die Bühne, aber noch immer sind nicht alle Reihen besetzt. Dann betritt der Solist Thomas Zehetmair mit seiner Violine die Bühne und nimmt direkt vorne links, neben Herrn Nagano seinen Platz ein. Weiter geht’s und es lässt mich aufschrecken: Was ist das denn? Noch niemals von mir gehörte Tonvariationen erklingen. Hellwach nehme ich die Klänge war und suche nach einem nicht zu findenden Muster. Die in nur fünf Meter entfernten, ersten Musiker des Orchester wirken äußerst konzentriert, keiner schaut mehr in die Runde oder ins Publikum, wie gebannt wechselt ihr Blick von den Notenblättern zu ihrem Dirigenten. Langsam gewöhnt sich mein Ohr an diese merkwürdigen Klangvariationen und eine Art von Harmonie lässt sich erkennen. Ich muss an Free-Jazz denken. Ja, das trifft es ganz gut. Wenngleich Free-Jazz auf freiem Interpretieren aufsetzt, bei „Andenken an einen Engel“ ist absolut nichts durch die spielenden Musiker frei interpretierbar. Aber die Idee, dass Jazz ohne Inspirationen der Zwölftontechnik auskommen sein müsste werde ich für mich überdenken. Nur noch ein kurzer Blick ins Programm: Todesjahr von Alban Berg 1935, im Jahr als er dieses Stück fertig geschrieben hatte. Was für eine Zeit in Deutschland. Dieses Werk wurde sicherlich von den Nazis als entartete Musik gebrandmarkt.

Zu weiteren Ausschweifungen komme ich nicht mehr. Das Stück hat noch mehr Fahrt aufgenommen und die Musik findet einen immer harmonischeren Kontext. Thomas Zehetmair wirkt nun warm gespielt, sein früheres Kopfschütteln zeigte eine leichte Unzufriedenheit mit sich selber. Nun wirkt er absolut im Stück angekommen und zeigt eine beeindruckende Virtuosität. Die Musiker wirken jetzt noch konzentrierter und Herr Nagano arbeitet wirklich sehr beeindruckend! Totale Körperspannung, vollste Leistung! In den einzelnen kurzen Ruhephasen der Takte begleitet sein schneidender Atem seine ebenso schneidenden Armbewegungen. Unglaublich zu sehen, wie die von ihm angezeigten Einsätze immer einen Vierteltakt (als 4/4 Takt Kenner bezeichne ich die Verzögerung hier möglicherweise falsch als ¼ Takt) später durch die Musiker erfolgen. Bei dieser hoch komplexen Zwölftonmusik immer vorausschauend die Einsätze anzeigen und dann mit dem Ohr folgen ob die Musiker die Einsätze auch treffend spielen, dabei schon einen viertel Takt weiter mit der eigenen Vorstellung und Bewegungen zu sein… Herr Nagano, damit haben Sie mein Bild von großen Dirigenten nachhaltig verändert! Fertig! Großer Applaus, sehr großer Applaus. Bravo!

Nach der Pause füllen sich alle Plätze des Orchester, auch die Harfen. Tatsächlich trägt eine Harfenistin langes blondes, gelocktes Haar. Wie klassisch! Arnold Schönbergs „Pelleas und Melisande“ hat es bei mir nach dem großartigen „Andenken eines Engels“ schwer und kann meinen Eindruck nicht mehr toppen. Die Harfen sind für meinen Geschmack etwas zu leise und wirken durch die anderen Instrumente etwas überspielt. Möglicherweise der Grund für das Deutschlandradio Kultur das Konzert bereits in der Kölner Philharmonie unter gleicher Besetzung aufzuzeichnen, vielleicht ist die Akustik dort noch einen Tick besser.

Schlecht benahmen sich einige Zuhörer, die bereits während des Schlussapplauses die Philharmonie verlassen mussten. Wie bei einem Fußballspiel diejenigen, die beim Spielstand von 1:1 bereits 5 Minuten vor Ende gehen müssen um ja rechtzeitig vom Parkplatz zu kommen. Unmöglich, besonders bei klassischen Werken! Hallo! Wenn Sie meinen, Sie verpassten die Zugabe zu Ehren Günter Wand: Schuberts Entr’acte Nr. 1 aus Rosamunde.

Youtube Videos konnte ich nicht finden, die der Interpretation von Kent Nagano und dem DSO auch nur annähernd Gerecht würden. Aber, das Deutschlandradio Kultur sendet das Konzert am Sonntag, 15. Januar 2012 ab 20.03 Uhr.

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